3. August 2011
Daniel

„Stolpersteine gegen das Vergessen“, Einladung

Presseerklärung
Butzbach, den 15. Juli 2011
„Stolpersteine gegen das Vergessen“, Einladung
Der Magistrat der Stadt Butzbach lädt am Montag, dem 8. August 2011, von 17.00 Uhr – ca. 19.00 Uhr zu einer weiteren Gedenkveranstaltung zu Ehren der Todesopfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Butzbach, ein. Die vierte Etappe der Stolpersteinverlegung beginnt vor dem Haus Kasernenstraße 12 und wird sich über verschiedene Stellen, an denen bis zur NS-Zeit jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger lebten, fortsetzen bis zum Schluss-Gedenkpunkt am Verkehrskreisel der Griedeler Straße und der B 3.

Bekanntlich hat Herr Gunter Demnig in Köln, auf dessen Idee die Verlegung von „Stolpersteinen gegen das Vergessen“ zurückgeht und der seit 1997 in ganz Europa mehr als 50.000 Erinnerungssteine selbst verlegt hat, in Butzbach anlässlich zweier Veranstaltungen 30 Stolpersteine versetzt. – Das Vorhaben, auch in Butzbach und seinen Stadtteilen „Stolpersteine“ durchzuführen, wurde von der Stadtverordnetenversammlung Butzbach am 18. März 2008 mehrheitlich beschlossen.
Diese Stolpersteinverlegung wird von Bürgermeister Merle, dem Museum der Stadt Butzbach gemeinsam mit Schülern und Lehrern der „Geschichtsreisen-AG“ der Schrenzerschule Butzbach moderiert. Nach Kurzansprachen vor dem Haus Kasernenstraße 12 wird die Verlegung durch verschiedene Altstadt-Straßen bis zum Haus Kleeberger Straße 11, dann durch die Korngasse zur Griedeler Straße führen, wo als Schlusspunkt der Verkehrskreisel (Saint Cyr l’Ecole-Platz) vorgesehen ist. Dort stand bis zum Abriss im September 1962 das ehem. Wohnhaus der Familie von David Grünebaum, in dem auch die jüdische Familie Hugo Krämer bis zu ihrer Flucht nach Holland wohnte.
Für folgende Opfer von Tyrannei, Barbarei, Rassenwahn und Menschenverachtung in der Zeit des Nationalsozialismus aus Butzbach werden nun weitere Gedenksteine verlegt:
Im Haus Kasernenstraße 12, das vor etwa 40 Jahren abgerissen wurde, lebte das Ehepaar Levi und Rosa Löwenstein, wohl seit ihrer Heirat im Jahr 1903. Der gelernte Schneidermeister betrieb hier zunächst eine Schneiderei, führte von etwa 1921 bis zur völligen Zertrümmerung des Ladens am 10. November 1938 eine Zigarren- und Tabakwarengroßhandlung. Herr Löwenstein war schon – wie alle männlichen Juden zwischen 14 und 75 – vor dem Pogrom verhaftet worden und wurde für fünf Wochen in das KZ Buchenwald eingesperrt. Das alte Ehepaar Löwenstein zog 1939 aus Verzweiflung in die Großstadt Frankfurt, um den Diskriminierungen besser entgehen zu können. Beide täuschten sich leider. Sie wurden 1941 von Frankfurt aus nach Polen zwangsverschleppt und sind dort ermordet worden.
Im für damalige Verhältnisse modernen Wohnhaus Kleeberger Straße 11 zog 1928/29 das aus Weilburg bzw. Wertheim stammende Ehepaar Julius und Meta Ehrlich ein. 1930 wurde hier ihr  Sohn Lothar geboren. In Friedberg hatte Julius Ehrlich bereits mit großem Erfolg das elterliche Schuhgeschäft Leopold Ehrlich geführt und weiter ausgebaut und richtete nun auch in Butzbach ein modernes Schuhgeschäft ein. Unter dem Druck der Nazis verzog das Ehepaar und ihr Sohn 1936 nach Frankfurt, wo sie im November 1941 nach Minsk deportiert und ermordet wurden.
Im Haus Korngasse 11 lebte die Familie Fuld bzw. Fried. Hier sollen drei Steine verlegt werden für Fuld (Zilli, Hannelore) u. Fried (Helene)
Zilli (oder Zerlina) Fuld geb. Fried war die Schwiegertochter des langjährigen Butzbacher jüdischen Lehrers und Kantors Moritz Fuld, dessen Schicksal noch unbekannt ist. Ihr Ehemann Manfred verzog 1935 nach Mainz. Ihm gelang später die Flucht in die USA, während sie bis 1937 im Uhrwarengeschäft Löb bis 1937 arbeitete und danach nach Mainz verzog, zusammen mit ihrer 1934 geborenen Tochter Hannelore. Anscheinend zog auch ihre Mutter, die Viehhändlerwitwe Helene Fried geb. Michel mit nach Mainz. Später musste die Mutter in Frankfurt leben und wählte 1941 vermutlich den Freitod, kurz bevor sie deportiert werden sollte. Zilli und Hannelore Fuld sollen 1941 von Mainz aus nach dem Osten verschleppt und ermordet worden sein.
Vor dem Wohnhaus Griedeler Str. 17 sollen drei Gedenksteine für Mitglieder der Familie Bär verlegt werden: für Selma, Egon und Inge Bär, der Ehefrau und den beiden Kindern des in Griedel geborenen Viehhändlers Max Bär. Die Familie, deren Geschichte sich in Griedel bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen läßt, flüchtete schon 1935 nach Lampertheim. Während der Vater um den 10. Nov. 1938 nach Frankfurt floh und in England in Sicherheit gelangte, entkamen die in Himbach geborene Selma geb. Meyer und ihre Kinder ihren Häschern nicht und wurden später nach Minsk deportiert und ermordet.
Das Haus Griedeler Straße 48 neben der heutigen Friedhofskapelle, das im Jahr 1912 erbaut und 1928 von seinem Eigentümer David Grünebaum beträchtlich erweitert worden war, steht nicht mehr. Es fiel 1962 der Erbauung der Umgehungsstraße der B 3 zum Opfer. Hier wohnte bis zu ihrer Flucht nach Holland die Familie des Kaufmanns Hugo Krämer, der 1936 nach Amsterdam verzog, vermutlich um die Möglichkeit einer Emigration von Eltern und ganzer Familie zu sondieren. 1937 oder 1938 verließen auch seine Frau Meta geb. Stern und die Kinder Lothar und Ilse ihre Heimat und kamen nach Amsterdam, lebten nach dem Einfall der Wehrmacht in einem Versteck, wurden bei einer Razzia verhaftet und kamen vom KZ Westerbork im Zuge einer Deportation in das Vernichtungslager Sobibor, wo sie ermordet wurden.
Auch diese Veranstaltung wird nachhaltig unterstützt vom Butzbacher Bündnis gegen rechts, für Demokratie und Toleranz, den Butzbacher Schulen (am 8.8.2011 konkret von Schülern und Lehrern der Schrenzerschule Butzbach).
Es wird sich hierbei wohl um die vorletzte Verlegung von Stolpersteinen in der Kernstadt Butzbach handeln, bevor der Todesopfer aus den Stadtteilen Butzbachs gedacht werden wird. Als Erstes sollen dann Stolpersteine im Stadtteil Nieder-Weisel verlegt werden.
Wir würden uns freuen, Sie am 8. August 2011, ab 17.00 Uhr zu dieser Veranstaltung begrüßen zu können.

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